Patrick Fischer – Kritik ist legitim. Aber wo bleibt die Verhältnismässigkeit?
- rogertroger
- 19. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

Patrick Fischer – Kritik ist legitim. Aber wo bleibt die Verhältnismässigkeit?
Was Patrick Fischer gemacht hat, war nicht in Ordnung. Das muss man nicht beschönigen. Wer eine Nationalmannschaft führt, trägt Verantwortung. Wer in einer so exponierten Rolle steht, muss sich an einem hohen Massstab messen lassen.
Und dennoch greift die öffentliche Debatte zu kurz, wenn sie genau dort stehen bleibt.
Der Fall Patrick Fischer
Denn der Fall Patrick Fischer ist nicht nur ein Fall von Fehlverhalten. Er ist auch ein Lehrstück darüber, wie selektiv im Sport moralisch geurteilt wird. Es geht nicht nur um die Frage, ob Kritik berechtigt ist. Es geht auch um die Frage, ob diese Kritik im Verhältnis steht – und ob dieselben Massstäbe auch anderswo gelten.
Gerade das ist zweifelhaft.
Ein grosser Leistungsausweis
Patrick Fischer hat das Schweizer Eishockey geprägt wie kaum ein anderer Trainer der letzten Jahre. Unter seiner Führung hat sich die Schweiz als ernstzunehmende Eishockeynation stabilisiert. Er hat die Nationalmannschaft weiterentwickelt, junge Spieler eingebaut, Identität geschaffen und Erfolge ermöglicht, die nicht als selbstverständlich abgetan werden dürfen. Wer nur den aktuellen Fehler sieht, blendet den jahrelangen Leistungsausweis aus. Und genau das ist bereits ein Teil des Problems.
Denn faire Beurteilung bedeutet nicht, Fehlverhalten zu relativieren. Faire Beurteilung bedeutet, das Ganze zu sehen. Ein einzelner Fehltritt darf benannt werden. Aber er darf nicht so behandelt werden, als hätte die betreffende Person davor nichts geleistet, nichts aufgebaut und nichts zum Schweizer Sport beigetragen.
Gerade deshalb wirkt die Härte der Reaktion auffällig. Nicht, weil Kritik unzulässig wäre. Sondern weil sie in einem Umfeld erfolgt, in dem andere mit erstaunlicher Milde behandelt werden.
Selektive Empörung im Sport
Man denke etwa an Breel Embolo. Ein grosser Schweizer Sportler, ohne Zweifel. Aber auch jemand, der wiederholt negativ aufgefallen ist. Bedrohliches Verhalten im Ausgang, Partys während Corona, massive Verkehrsregelverletzungen. Und was geschieht? Kurzfristige Empörung, ein paar Schlagzeilen, dann rasch wieder business as usual. Die öffentliche und institutionelle Härte bleibt überschaubar.
Hier zeigt sich bereits ein Muster: Nicht allein das Verhalten entscheidet über die Reaktion, sondern auch Sympathie, Opportunität, Zeitpunkt, öffentliche Stimmung und vielleicht schlicht die Frage, wen man schützen will und wen nicht.
Doch der Bogen reicht noch weiter.
Wenn der internationale Eishockeyverband klar sagt, dass das Verhalten von Patrick Fischer nicht in Ordnung sei, ist das zunächst nachvollziehbar. Aber dieselbe Welt des Sports verliert ihre moralische Klarheit erstaunlich schnell, sobald die ganz grossen Akteure betroffen sind.
Russland draussen, die USA nicht
Denn dann stellt sich eine weit grundlegendere Frage: Warum wird Russland aus Wettbewerben ausgeschlossen, während die USA trotz eigener völkerrechtswidriger Angriffe sportlich praktisch nie ernsthaft zur Rechenschaft gezogen werden?
Russland greift die Ukraine an – zu Recht folgen massive Verurteilungen, Sanktionen und Ausschlüsse. Die USA greifen den Iran an – und der Sportbetrieb läuft weiter.
Genau hier beginnt die eigentliche Heuchelei.
Denn wenn man den moralischen Massstab ernst nimmt, dann kann die entscheidende Frage nicht lauten, ob ein Staat mächtig, westlich, verbündet oder wirtschaftlich unverzichtbar ist. Dann müsste allein zählen, was geschehen ist. Ein Angriffskrieg bleibt ein Angriffskrieg. Völkerrechtswidrige Gewalt bleibt völkerrechtswidrige Gewalt. Das Recht des Stärkeren bleibt verwerflich – unabhängig davon, ob es aus Moskau oder aus Washington kommt.
Aber genau das geschieht nicht.
Russland wird geächtet. Die USA werden geschont. Russland wird ausgeschlossen. Die USA nicht. Russland gilt als untragbar. Die USA bleiben mitten im Spielbetrieb und gewinnen sogar Goldmedaillen, während militärische Gewalt faktisch kein sportpolitisches Thema ist.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist auch keine blosse Nuance. Das ist ein massiver Widerspruch.
Und deshalb verliert die moralische Empörung an Glaubwürdigkeit. Nicht weil sie im Einzelfall falsch wäre, sondern weil sie nicht konsequent angewandt wird.
Der eigentliche Kern
Zurück zu Patrick Fischer: Ja, Kritik ist berechtigt. Aber nein, die Angelegenheit darf nicht so behandelt werden, als sei damit alles gesagt. Wer Verantwortung ernst nimmt, muss auch Verhältnismässigkeit ernst nehmen. Und wer Fairness fordert, muss sie überall fordern.
Gerade Patrick Fischer hätte in dieser Debatte mehr Differenzierung verdient. Er ist nicht irgendeine Randfigur, sondern einer der prägenden Schweizer Trainer der letzten Jahre. Seine Verdienste für das Schweizer Eishockey sind real. Seine Aufbauarbeit ist real. Seine Erfolge sind real. Wer ihn nun auf einen einzelnen Vorfall reduziert, urteilt nicht falsch – aber unvollständig. Und unvollständige Urteile werden schnell ungerecht.
Der Sport spricht gern von Respekt, Integrität und Fairness. Dann sollte er den Mut haben, diese Werte nicht nur gegen die Kleinen oder gegen die Unbequemen ins Feld zu führen, sondern auch gegen die Mächtigen. Sonst bleibt am Ende nur selektive Moral übrig.
Und genau darin liegt der tiefere Kern dieses Falls.
Es geht nicht nur um Patrick Fischer. Es geht um unseren Umgang mit Schuld, Leistung, Macht und Doppelmoral.
Wer Fehler macht, soll Kritik erhalten. Aber wer urteilt, soll mit gleichem Mass urteilen.
Solange Russland ausgeschlossen wird und die USA nicht, solange gewisse Sportler bei Fehlverhalten hart angegangen werden und andere beinahe folgenlos davonkommen, solange bleibt der Anspruch auf Fairness beschädigt.
Dann gilt nicht das gleiche Recht für alle. Dann gilt nur noch die Logik der Macht.
Und das ist weder sportlich noch moralisch überzeugend.



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