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6. Januar – Tag der Intuition

  • rogertroger
  • 6. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Gaben, Intuition und Orientierung in einer komplexen Welt


Der 6. Januar, der Dreikönigstag, markiert einen stillen, aber inhaltlich dichten Abschluss der Weihnachtszeit. Liturgisch spricht man von Epiphanie – vom Sichtbarwerden. Gemeint ist kein lautes Offenbarungsereignis, sondern ein langsames Erkennen: durch Zeichen, durch innere Bewegung, durch ein Sich-auf-den-Weg-Machen. Gerade darin liegt eine erstaunliche Aktualität dieses Tages – auch und gerade für säkular geprägte Menschen.


Zwei Motive tragen diese Erzählung: die Gaben, die überreicht werden, und die Orientierung, die den Weg erst ermöglicht.





1. Die Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe – mehr als fromme Symbole



Die Überlieferung erzählt, dass die Weisen aus dem Morgenland drei Gaben darbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Theologisch sind sie dicht aufgeladen, zugleich aber offen genug, um auch heute – jenseits konfessioneller Grenzen – zu sprechen.



Gold – Wert und Verantwortung


Gold steht klassisch für Königtum, für Würde und für das Kostbarste, das ein Mensch geben kann. In heutiger Sprache könnte man sagen: Gold steht für unsere Ressourcen – Zeit, Aufmerksamkeit, Geld, Energie.


Die Frage des Dreikönigstages lautet hier nicht: Wie viel habe ich?, sondern:

Wofür setze ich mein Wertvollstes ein?

Gold fragt nach Verantwortung, nach Prioritäten, nach dem Mut, das Eigene nicht nur zu sichern, sondern sinnvoll zu investieren.



Weihrauch – Sinn, Transzendenz und Atem


Weihrauch verbindet Himmel und Erde. Sein Rauch steigt auf, verflüssigt das Starre, schafft Raum für das Nicht-Messbare. In einer hoch rationalisierten Welt erinnert Weihrauch daran, dass der Mensch mehr ist als Funktion und Leistung.


Heute steht Weihrauch für Sinnfragen, für Spiritualität im weiten Sinn, für Atempausen im Getriebe des Alltags. Er steht für die Bereitschaft, dem Unsichtbaren Raum zu geben – sei es in Meditation, Naturerfahrung, Gebet oder stiller Selbstwahrnehmung.



Myrrhe – Verletzlichkeit und Endlichkeit


Myrrhe ist vielleicht die irritierendste Gabe. Sie wurde zur Heilung genutzt, aber auch zur Salbung der Toten. Sie erinnert daran, dass dieses Kind nicht ausserhalb der „conditio humana" steht.


Übersetzt in die Gegenwart steht Myrrhe für das Anerkennen von Brüchen: von Schmerz, Verlust, Erschöpfung, Endlichkeit. Sie ist die Gabe der Ehrlichkeit. Wer Myrrhe schenkt, idealisiert nicht – sondern nimmt das Leben ernst, so wie es ist.



2. Orientierung: Der Weg der Weisen und die Kraft der Intuition



Mindestens so spannend wie die Gaben ist der Weg der Weisen. Sie folgen keinem Befehl, keiner Offenbarung im engeren Sinn, keinem fertigen Plan. Sie deuten Zeichen. Sie beobachten. Sie spüren.


Der Stern – oft als Weihnachtsstern bezeichnet – ist dabei weniger Navigationsgerät als Resonanzpunkt. Er zwingt nicht, er zieht an. Er gibt keine Route vor, sondern eine Richtung.



Intuition als ernstzunehmende Erkenntnisform


Gerade hier berührt die Erzählung einen Punkt, der in der Moderne lange unterschätzt wurde: Intuition.

Die Weisen handeln nicht irrational, aber sie handeln mehr als rational. Sie verbinden Wissen, Erfahrung, innere Bewegung und Mut zum Ungewissen.


Für erhöht neurosensitive Menschen ist das besonders relevant. Intuition ist hier keine diffuse Ahnung, sondern eine hochdifferenzierte Wahrnehmungsform:


  • das frühe Spüren von Stimmungswechseln

  • das Erfassen komplexer Zusammenhänge ohne lineare Ableitung

  • das Wissen, wann etwas „stimmig“ oder „nicht stimmig“ ist, bevor es begründbar wird



Der Dreikönigstag rehabilitiert diese Form der Orientierung. Er sagt: Nicht alles Wesentliche lässt sich planen. Nicht jede Wahrheit ist beweisbar. Manche Wege erschliessen sich erst, wenn man ihnen vertraut.



Orientierung ohne Gewissheit


Bemerkenswert ist: Die Weisen wissen nicht, was sie am Ziel erwartet. Und doch gehen sie. Orientierung heisst hier nicht Sicherheit, sondern Stimmigkeit.


Das macht diese biblische Erzählung auch für säkulare Menschen anschlussfähig. Sie spricht von einer Lebenshaltung, die Zeichen liest, innere Stimmen ernst nimmt und dennoch den Realitätssinn nicht verliert.





Schluss: Epiphanie heute


Der Dreikönigstag ist kein sentimentaler Nachklang von Weihnachten. Er ist ein Fest der Reifung.


Er fragt:


  • Was sind meine Gaben – und wofür gebe ich sie?

  • Welchen Zeichen vertraue ich?

  • Und traue ich meiner Intuition genug, um mich wirklich auf den Weg zu machen?



Vielleicht liegt die eigentliche Epiphanie heute nicht im Stern am Himmel, sondern in der leisen Einsicht, dass Orientierung möglich ist – auch ohne absolute Gewissheit. Und dass gerade jene Menschen, die feiner wahrnehmen, nicht weniger, sondern mehr zu dieser Welt beizutragen haben.


Der Weg der Weisen ist kein Sonderweg. Er ist ein zutiefst menschlicher.

 
 
 

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