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Zwei Ellen, ein Massstab – eine Ordnung mit Vorzugsrecht

  • rogertroger
  • 3. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt eine Ordnung, die sich selbst „regelbasiert“ nennt. Sie spricht gern von Recht, von Freiheit, von Demokratie. Sie beansprucht Universalität – und praktiziert Ausnahme.

Nicht jede Grenzverletzung ist gleich laut. Nicht jede Entführung ist gleich skandalös. Nicht jeder Angriff gilt als Angriff.

Manche Taten werden mit moralischer Totalmobilmachung beantwortet. Andere verschwinden im diplomatischen Nebel. Nicht, weil sie harmloser wären – sondern weil sie von der richtigen Seite ausgehen.


Die unsichtbare Hand der Moral

In dieser Ordnung gibt es eine Macht, die selten laut wird, aber immer gehört wird.

Sie sitzt nicht am Rand der Weltordnung, sondern an ihrem Zentrum. Ihre Worte heissen nicht Drohung, sondern Narrativ. Ihre Gewalt heisst nicht Krieg, sondern Operation. Ihre Regelbrüche heissen nicht Bruch, sondern Ausnahme.

Und Ausnahmen, so heisst es, bestätigen die Regel.

Nur: Wenn eine Macht ständig Ausnahmen beansprucht, dann ist sie nicht Teil der Ordnung –sie steht über ihr.


Wer richtet, ohne gerichtet zu werden


Es ist auffällig, wie selten diese Macht sanktioniert wird. Wie selten ausgeschlossen. Wie selten geächtet.

Stattdessen richtet sie. Bewertet. Klassifiziert.

Sie entscheidet, wann das Recht gilt und wann es schweigen muss.

Nicht aus Bosheit. Sondern aus Selbstverständnis.

Denn wer sich als Hüter der Ordnung begreift, kann sich selbst kaum als Regelverletzer denken.


Der entführte Präsident und das Schweigen

Ein Staatsoberhaupt wird aus seinem Amt entfernt. Nicht durch ein Gericht. Nicht durch ein Parlament. Nicht durch eine Wahl.

Sondern durch Zugriff.

Man spricht von Sicherheit. Von Stabilität. Von einem notwendigen Schritt.

Das Wort Entführung fällt nicht. Denn es würde eine Frage aufwerfen, die niemand stellen will:

Was wäre, wenn ein anderer das getan hätte?


Moralische Empörung als Währung


Empörung ist in dieser Ordnung keine moralische Konstante. Sie ist eine politische Ressource.

Sie wird dort eingesetzt, wo sie Wirkung entfaltet – und zurückgehalten, wo sie Kosten verursachen würde.

Das Leid der Opfer spielt dabei eine Nebenrolle. Entscheidend ist, wer Täter ist und wer Bündnispartner.

Das ist keine Heuchelei im Einzelfall. Das ist strukturelle Doppelmoral.


Die eigentliche Sprengkraft

Die grösste Gefahr liegt nicht in einem einzelnen Regelbruch. Sie liegt im Vorbildcharakter der Ausnahme.

Wenn die mächtigsten Akteure zeigen, dass Recht relativierbar ist, dass Gewalt erklärbar ist, dass Entführungen umdeutbar sind,

dann wird das Recht nicht verteidigt – sondern entkernt.

Und andere lernen schnell.


Schluss: Die Maske der Werte

Diese Ordnung liebt das Wort „Wertegemeinschaft“. Doch Werte, die selektiv gelten, sind keine Werte – sie sind Interessen mit moralischer Verkleidung.

Doppelmoral ist kein Betriebsfehler. Sie ist die stille Grundlage einer Ordnung, die sich selbst für alternativlos hält.

Solange das so bleibt, wird nicht das Recht erodieren – sondern seine Glaubwürdigkeit.

Und das ist gefährlicher als jede offene Gewalt.

 
 
 

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