top of page

Granit Xhaka – ein Fehler. Aber irgendwann muss auch einmal gut sein.

rogertroger
21. Sept.
10 Min. Lesezeit

Granit Xhaka hat einen Fehler gemacht. Patrick Fischer auch. Beides darf man klar sagen. Aber eine Gesellschaft, die Verantwortung verlangt, muss auch eine Antwort auf eine zweite Frage haben: Wann ist Verantwortung übernommen – und wann wird aus berechtigter Kritik eine moralische Dauerstrafe?


Der aktuelle Fall um Granit Xhaka hat mich deshalb sofort an Patrick Fischer erinnert. Nicht, weil beide Fälle identisch wären. Das sind sie ausdrücklich nicht. Sondern weil sich dahinter dieselbe grössere Frage verbirgt: Können wir einen Menschen noch als ganzen Menschen sehen, wenn er einen klaren Fehltritt begangen hat?


Ich glaube, wir müssen das wieder lernen.



Der Fehler muss Fehler heissen


Granit Xhaka hat am 21. September 2026 eingeräumt, dass er 2022 eine Impfbestätigung erworben hatte. Er erklärte, er sei damals wegen der Covid-Impfung stark verunsichert gewesen, habe grosse Bedenken und tiefes Misstrauen gegenüber dem Impfstoff empfunden. Heute bezeichnet er seinen damaligen Entscheid selbst als Fehler, entschuldigt sich und will mit den Behörden vollumfänglich kooperieren. SRF fasst seine Erklärung und den laufenden Stand des Verfahrens zusammen.


Daran gibt es nichts schönzureden. Wer sich eine Bestätigung für etwas beschafft, das tatsächlich nicht stattgefunden hat, überschreitet eine Grenze. Xhaka selbst bestreitet das heute nicht. Strafrechtlich ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen; moralisch hat er seinen Fehltritt aber klar benannt.


Genau deshalb braucht es aus meiner Sicht auch kein künstliches Relativieren. Man kann sagen: Das war falsch. Punkt. Und danach darf man trotzdem weiterdenken.



Xhaka ist nicht Fischer – und trotzdem gehören beide Debatten zusammen


Der Schweizerische Fussballverband weist zu Recht darauf hin, dass die Fälle unterschiedlich gelagert sind. Xhaka brauchte nach Angaben des SFV kein Impfzertifikat, um für die Nationalmannschaft zu spielen; es gab dort eine Impfempfehlung, aber keine Impfpflicht. SFV-Präsident Peter Knäbel hat diesen Unterschied ausdrücklich hervorgehoben.


Patrick Fischer hingegen benutzte ein gefälschtes Covid-Zertifikat, um 2022 an die Olympischen Spiele in Peking reisen zu können. Dafür wurde er 2023 wegen Urkundenfälschung verurteilt. Im April 2026 verlor er wegen der Affäre sein Amt als Nationaltrainer, und im September sperrte ihn die IIHF für vier Jahre für Tätigkeiten auf Nationalmannschaftsebene. Gegen diese Sperre hat er den Internationalen Sportgerichtshof TAS angerufen.


Das ist ein gewichtiger Unterschied. Ihn kleinzureden wäre unfair – auch gegenüber Fischer selbst, der seinen Fehler inzwischen klar eingeräumt hat.


Aber gerade weil die Fälle nicht identisch sind, kann man umso sauberer die gemeinsame Grundfrage stellen: Wie viele Konsequenzen braucht ein Fehltritt, bis eine Gesellschaft sagen kann: Der Fehler bleibt falsch, aber der Mensch darf weitergehen?





Was Granit Xhaka der Schweiz gegeben hat


Bei aller Kritik wäre es ebenso falsch, Xhaka nun auf diesen einen Entscheid zu reduzieren. Granit Xhaka ist Captain und Rekord-Nationalspieler der Schweiz. Der Schweizerische Fussballverband führt ihn aktuell mit 152 Länderspielen. Er hat vier Weltmeisterschaften bestritten, über Jahre Verantwortung übernommen und das Gesicht einer ganzen Nati-Generation mitgeprägt. Der SFV nennt ihn ausdrücklich Captain und Rekord-Nationalspieler.


Und seine Geschichte reicht über Fussball hinaus. Xhaka wurde in Basel geboren, als Sohn kosovo-albanischer Eltern. Sein Vater kam als politischer Flüchtling in die Schweiz. Granit wuchs hier auf, durchlief den Schweizer Nachwuchsfussball und entschied sich für die Schweizer Nationalmannschaft.


Für mich ist das auch eine Geschichte gelungener Integration. Nicht im Sinn einer glattgebügelten Biografie, in der Herkunft verschwinden muss. Im Gegenteil: Xhaka hat seine kosovarisch-albanischen Wurzeln nie verleugnet und gleichzeitig über viele Jahre die Schweiz als Captain vertreten. Integration bedeutet für mich genau das: Herkunft behalten dürfen und trotzdem verbindlich zu einem neuen gemeinsamen Wir gehören.


Dass Xhaka temperamentvoll, kantig und manchmal unbequem ist, gehört ebenfalls zu dieser Geschichte. Integration verlangt nicht, dass ein Mensch charakterlich unsichtbar wird. Ein Land gewinnt nichts, wenn Zugehörigkeit nur jenen zugestanden wird, die nie anecken.


Granit Xhaka mit jungen Fussballerinnen und Fussballern – Symbol für Integration, Vorbildfunktion und Schweizer Fussball

Mein Plädoyer für Patrick Fischer gilt weiterhin


Ich habe bereits in einem früheren Beitrag über Patrick Fischer geschrieben. Und nach allem, was seither geschehen ist, nehme ich nichts von meinem Grundgedanken zurück.


Fischer hat einen schwereren Fehler gemacht als Xhaka, wenn man allein auf die konkrete Verwendung des Zertifikats schaut. Er nutzte es, um eine Einreise- und Teilnahmevoraussetzung zu umgehen. Das war falsch. Er wurde strafrechtlich sanktioniert. Er verlor seinen Job als Nationaltrainer. Danach kam die vierjährige IIHF-Sperre.


Man kann jede einzelne dieser Konsequenzen begründen. Aber irgendwann muss auch die Gegenfrage erlaubt sein: Was genau soll noch erreicht werden?


Geht es darum, Verantwortung einzufordern? Dann hat Fischer längst erhebliche Konsequenzen getragen. Geht es um Abschreckung? Auch diese Botschaft dürfte angekommen sein. Oder geht es irgendwann nicht mehr um Verantwortung, sondern darum, eine Person dauerhaft mit ihrem schlechtesten Entscheid zu identifizieren?


Patrick Fischer ist nicht nur der Mann mit dem falschen Covid-Zertifikat. Er ist auch der Trainer, der das Schweizer Eishockey über Jahre geprägt hat, der mit der Nationalmannschaft drei WM-Silbermedaillen gewann und eine Mannschaft mitentwickelte, die international dauerhaft ernst genommen wird. Diese Leistungen verschwinden nicht, weil er einen schweren Fehler gemacht hat.


Und genau hier möchte ich ihm nochmals den Rücken stärken: Man darf seinen Fehltritt verurteilen, ohne ihn als Menschen und Trainer abzuschreiben. Beides gleichzeitig auszuhalten wäre für mich ein Zeichen von Reife, nicht von Verharmlosung.




Auch Fischers sportliche Bilanz verdient Präzision. 2013 gehörte er als Assistenztrainer zum Team, das WM-Silber gewann. Als Headcoach führte er die Schweiz 2018, 2024 und 2025 dreimal in einen WM-Final und jeweils zu Silber. Das Silber von 2026 gehört bereits seinem Nachfolger Jan Cadieux, der nach Fischers Absetzung im April vorzeitig übernahm. Diese Abgrenzung schmälert Fischers Verdienst nicht – sie macht ihn nur korrekt.


Über mehr als zehn Jahre half Fischer mit, aus einer respektierten Nationalmannschaft eine Mannschaft zu formen, die mit realistischen Medaillen- und Finalambitionen an Weltmeisterschaften fährt. Selbst der Verband dankte ihm bei der Trennung ausdrücklich für seine «unbestrittenen grossen sportlichen Erfolge».


Patrick Fischer an der Bande der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft – Symbol für seine langjährige Aufbauarbeit und drei WM-Silbermedaillen als Headcoach

Viermal geimpft – und heute skeptischer


Ich selbst bin viermal gegen Covid geimpft. Ich schreibe diesen Text also nicht aus der Position eines Menschen, der die Impfung damals grundsätzlich abgelehnt hätte. Ich habe mich impfen lassen – mehrfach.

Persönlicher Rückblick auf die Corona-Zeit – Impfbuch, vier Impfungen und die Frage nach gesellschaftlicher Aufarbeitung


Und trotzdem, vielleicht gerade deshalb, macht mich die Rückschau auf diese Zeit zunehmend skeptisch.


Nicht, weil ich heute behaupten würde, damals schon alles besser gewusst zu haben. Das wäre billig. 2020 und 2021 war vieles unklar. Politik, Medizin, Behörden und Bevölkerung mussten mit Unsicherheit umgehen. Fehler waren in einer solchen Lage kaum zu vermeiden.


Was mich skeptisch macht, ist etwas anderes: die Selbstsicherheit, mit der damals teilweise moralisch sortiert wurde. Vernünftig oder unvernünftig. Solidarisch oder unsolidarisch. Geimpft oder ungeimpft. Verantwortungsbewusst oder gefährlich. In Familien, Freundeskreisen, Betrieben und Medien wurden Gräben gezogen, die nicht einfach verschwanden, als die Zertifikate verschwanden.


Heute, rund fünf Jahre später, frage ich mich, ob wir diese Zeit wirklich ausreichend aufgearbeitet haben.



Was ich mit «Aufarbeitung» meine


Ja: Es gab und gibt offizielle Evaluationen. Der Bund hat verschiedene Aspekte der Pandemiebewältigung untersuchen lassen; Erkenntnisse fliessen unter anderem in die Revision des Epidemiengesetzes und den Pandemieplan ein. Das BAG führt diese Arbeiten ausdrücklich als Aufarbeitung der Corona-Pandemie auf.


Wenn ich sage, mir fehle Aufarbeitung, meine ich deshalb nicht: Es sei gar nichts untersucht worden.


Mir fehlt vielmehr eine breite, selbstkritische gesellschaftliche Aufarbeitung. Eine Diskussion darüber, wo staatlicher Druck angemessen war und wo er zu weit ging. Wo Kommunikation sachlich war und wo sie Angst verstärkte. Wo sich Experten später korrigieren mussten. Wo Ungeimpfte pauschal moralisch beurteilt wurden. Aber ebenso, wo Impfgegner andere Menschen verächtlich machten oder wissenschaftliche Unsicherheit in Gewissheiten umdeuteten.


Mich interessiert dabei nicht die nachträgliche Suche nach einem Sieger. Ich möchte nicht, dass die einen fünf Jahre später triumphierend rufen: «Wir hatten recht», während die anderen sagen: «Es war alles alternativlos.» Beides wäre zu einfach.


Was mir fehlt, ist das gemeinsame Eingeständnis: Diese Zeit hat uns gesellschaftlich verletzt. Menschen wurden gegeneinander gestellt. Entscheidungen wurden unter enormem Druck gefällt. Manche waren richtig, manche falsch, viele lagen irgendwo dazwischen.


Dass darüber bis heute vergleichsweise wenig gemeinsam gesprochen wird, hinterlässt bei mir ein ungutes Gefühl. Ich erlebe eine eigentümliche Mischung aus einzelnen Evaluationen und gleichzeitig dem Wunsch, gesellschaftlich möglichst schnell einen Deckel darauf zu machen. Genau das macht mich skeptisch.



Die seltsame Strenge unserer Moral


Und damit zurück zu Xhaka und Fischer.


Wir Menschen brechen Regeln. Das ist keine Rechtfertigung, sondern eine banale Beobachtung. Wer bewusst 15 oder 20 km/h zu schnell fährt, weiss in der Regel, dass er eine Vorschrift verletzt. Wer während der Fahrt aufs Handy schaut, weiss ebenfalls, dass er etwas tut, das andere gefährden kann. Wer bei der Steuererklärung trickst, weiss, dass er nicht einfach nur kreativ rechnet.


Natürlich sind diese Dinge rechtlich und moralisch nicht identisch mit einem gefälschten Zertifikat. Darum geht es nicht.


Der Vergleich zeigt etwas anderes: Bei vielen alltäglichen Verfehlungen sind wir erstaunlich gut darin, zwischen Tat und Person zu unterscheiden. Jemand fährt zu schnell, bekommt eine Busse und bleibt für uns trotzdem derselbe Arbeitskollege, Nachbar, Freund oder Familienvater. Wir sagen nicht automatisch: Dieser Mensch ist moralisch untragbar.


Bei symbolisch aufgeladenen Verfehlungen funktioniert diese Trennung plötzlich viel schlechter. Und Corona ist bis heute symbolisch aufgeladen. Ein Covid-Zertifikat war eben nicht nur ein Dokument. Es stand für Zugehörigkeit zu einem Lager, für Verantwortung, Freiheit, Solidarität, Misstrauen, Staatsmacht, Wissenschaft und persönliche Angst – je nachdem, wer darauf blickte.


Vielleicht erklärt das einen Teil der Härte, mit der wir heute noch reagieren.



Corona darf nicht ewig zwischen uns stehen


Vor rund fünf Jahren begann eine Spaltung, die teilweise bis in Familien und Freundschaften hineinreichte. Ich möchte nicht, dass wir sie 2026 wieder neu beleben.


Wer damals geimpft war, muss heute nicht so tun, als seien alle damaligen Entscheidungen über jeden Zweifel erhaben gewesen. Wer ungeimpft war, muss umgekehrt nicht so tun, als habe jede Sorge vor Covid oder jede Massnahme auf Manipulation beruht.


Und wer damals einen Fehler machte, sollte dafür Verantwortung übernehmen. Aber Verantwortung braucht ein Ende. Sonst wird aus Verantwortung Vergeltung.


Erklären ist nicht entschuldigen. Verzeihen ist nicht verharmlosen.


Dieser Unterschied scheint mir zentral. Xhakas damalige Ängste erklären, wie es zu seinem Entscheid kam. Sie machen den Entscheid nicht richtig. Fischers Wunsch, an Olympia dabei zu sein, erklärt sein Motiv. Auch das macht seinen Weg nicht richtig.


Aber wenn Menschen ihren Fehler eingestehen, Konsequenzen tragen und sich entschuldigen, muss eine Gesellschaft irgendwann auch fähig sein, den nächsten Satz zu sagen: Gut. Wir vergessen es nicht. Aber wir lassen Dich weitergehen.



Was verlangen wir eigentlich noch?


Bei Xhaka wird sich nun zeigen, wie Verband, Behörden und Öffentlichkeit reagieren. Dass er den aktuellen Nati-Zusammenzug auslässt, ist bereits eine Konsequenz. Die strafrechtliche Seite muss unabhängig davon geklärt werden.


Ich würde mir wünschen, dass danach nicht reflexhaft die nächste Forderung kommt: Captainbinde weg. Nationalmannschaft weg. Vorbildstatus weg. Karriere beschädigen. Möglichst noch ein symbolischer Zusatzschlag, damit auch wirklich niemand den Eindruck bekommt, man nehme das Vergehen nicht ernst.


Man kann einen Fehler ernst nehmen, ohne den Menschen maximal zu bestrafen.


Und bei Patrick Fischer gilt für mich dasselbe – mit dem Zusatz, dass er bereits sehr viel verloren hat. Gerade deshalb wirkt die vierjährige internationale Sperre auf mich besonders hart. Dass er sie vor dem TAS anficht, ist nachvollziehbar.


Vielleicht sollten wir uns bei beiden Fällen weniger fragen: Wie zeigen wir möglichst deutlich, dass wir moralisch auf der richtigen Seite stehen? Und häufiger: Welche Reaktion ist der Tat tatsächlich angemessen?





Gerechtigkeit ohne Selbstgerechtigkeit


Vielleicht ist genau hier die christliche Perspektive unbequemer, als es auf den ersten Blick scheint. Das Christentum redet Schuld nicht klein. Aber es misstraut ebenso der Versuchung, sich selbst auf die Seite der moralisch Reinen zu stellen.


Die Szene mit der Ehebrecherin bringt diese Spannung fast brutal knapp auf den Punkt. Jesus sagt nicht: Es ist nichts geschehen. Er sagt aber zu den Anklägern: «Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.» (Joh 8,7)


Und am Ende folgt beides gleichzeitig: «Auch ich verurteile Dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!» (Joh 8,11). Keine Verharmlosung. Kein moralischer Freispruch im Sinn von «war doch egal». Aber eben auch keine Reduktion eines Menschen auf seine Verfehlung.


Noch näher an der Frage der Doppelmoral liegt für mich Mt 7,2: «Denn mit welchem Gericht Ihr richtet, werdet Ihr gerichtet werden, und mit welchem Mass Ihr messt, wird Euch zugemessen werden.» Wer bei Xhaka oder Fischer maximale moralische Strenge verlangt, muss sich zumindest fragen lassen, ob er bei vergleichbaren Verfehlungen anderer Menschen denselben Massstab anlegt – und ob er ihn auch an sich selbst anlegen würde.


Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, alle Verfehlungen gleichzusetzen. Gerechtigkeit verlangt gerade Unterschiede. Aber sie verlangt nachvollziehbare Unterschiede – keine Strenge, die vor allem davon abhängt, welches Thema gerade gesellschaftlich aufgeladen ist.


Die Tugend der Epikie – Gerechtigkeit braucht Augenmass


Epikie: Waage der Gerechtigkeit neben Bibel und Philosophie – Sinnbild für Verhältnismässigkeit, Barmherzigkeit und gerechtes Augenmass

Aristoteles kennt dafür in der Nikomachischen Ethik einen bemerkenswerten Gedanken: ἐπιείκεια (epieíkeia). Meist wird das Wort mit Billigkeit oder Angemessenheit übersetzt. Gemeint ist keine Nachsicht aus Sympathie und kein Wegschauen bei Regelverletzungen.


Aristoteles beschreibt Epikie vielmehr als Korrektur der gesetzlichen Gerechtigkeit dort, wo eine allgemeine Regel dem besonderen Einzelfall wegen ihrer Allgemeinheit nicht vollständig gerecht werden kann. Das Gesetz bleibt richtig – aber gerechtes Urteilen verlangt mehr als mechanisches Anwenden.


Thomas von Aquin greift diesen Gedanken ausdrücklich auf. In der Summa Theologiae fragt er sogar: Ist Epikie eine Tugend? Seine Antwort lautet: ja. Und mehr noch: Sie gehört zur Gerechtigkeit. Epikie richtet den Blick nicht gegen das Recht, sondern auf dessen eigentlichen Sinn – auf Gerechtigkeit und Gemeinwohl.


Auf Xhaka und Fischer übertragen bedeutet das nicht, ein Gesetz oder eine Sanktion nachträglich ausser Kraft zu setzen. Es bedeutet, beim Urteil über den Menschen und beim Mass weiterer Konsequenzen den konkreten Fall anzusehen: Was geschah tatsächlich? Welcher Schaden entstand? Welche Absicht lag vor? Was wurde bereits sanktioniert? Wurde Verantwortung übernommen? Und welchen Sinn hätte zusätzliche Härte?


Dazu passt der Satz Jesu: «Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.» (Joh 8,7). Er erklärt die Tat nicht für belanglos. Wenige Verse später steht ebenso klar der Anspruch auf Veränderung. Aber der Mensch wird nicht auf seine Schuld festgelegt.


Auch Mt 7,2 trifft den Kern der Doppelmoral: «Denn mit welchem Gericht Ihr richtet, werdet Ihr gerichtet werden, und mit welchem Mass Ihr messt, wird Euch zugemessen werden.» Wer maximale Strenge fordert, sollte deshalb auch fragen, ob er bei anderen – und bei sich selbst – mit demselben Mass misst.


Und Jak 2,13 setzt für mich den stärksten Schlusspunkt unter diesen Gedanken: «Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.» Nicht weil Gericht überflüssig wäre. Sondern weil Gericht nicht das letzte Wort über einen Menschen haben muss.


Schuld braucht ein Danach


Eine Gesellschaft, die Fehler findet, benennt und sanktioniert, aber keinen Weg zurück kennt, wird irgendwann gnadenlos. Sie kennt dann zwar Verantwortung, aber keine Versöhnung.


Granit Xhaka ist nicht sein Covid-Zertifikat. Patrick Fischer ist nicht sein Covid-Zertifikat. So wenig wie ein Mensch nur seine dümmste Entscheidung, seine schlimmste Fahrt oder seine grösste Fehleinschätzung ist.


Beide haben Fehler gemacht. Bei Fischer war der konkrete Verstoss schwerer und die Konsequenzen sind bereits massiv. Bei Xhaka ist das Verfahren noch offen. Das darf und muss man unterscheiden.


Aber irgendwann muss auch einmal gut sein.


Nicht weil der Fehler plötzlich richtig wäre. Sondern weil ein Mensch grösser ist als sein Fehler.

Kommentare


+41 (0) 76 411 84 41

Bleiben Sie informiert und abonnieren Sie unseren Newsletter

Vielen Dank für Ihr Abonnement!

bottom of page