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Wenn das Recht zur Kulisse verkommt – Über Doppelmoral, Macht und das selektive Gewissen des Westens

  • rogertroger
  • 1. März
  • 4 Min. Lesezeit

Es gibt Momente in der Weltgeschichte, in denen nicht nur Raketen einschlagen, sondern auch Begriffe zerbrechen. Einer dieser Begriffe ist das Völkerrecht. Ein anderer ist die vielbeschworene „regelbasierte Ordnung“. Und am zerbrechlichsten von allen scheint immer wieder das Wort „Prinzip“ zu sein.

Vor einigen Jahren griff eine westliche Supermacht ein Land im Nahen Osten militärisch an – ohne Mandat des Sicherheitsrates, ohne unmittelbaren Verteidigungsfall, ohne dass ein akuter Angriff auf ihr eigenes Territorium vorlag. Dabei wurde gezielt ein hochrangiger Staatsvertreter auf fremdem Boden getötet. Man sprach von „Prävention“, von „Sicherheit“, von „notwendiger Abschreckung“. Juristisch jedoch blieb ein schaler Nachgeschmack: War das Selbstverteidigung – oder war es eine völkerrechtswidrige Tötung auf dem Territorium eines souveränen Staates?

Wenige Jahre später marschierte eine andere Grossmacht in ein Nachbarland ein – ebenfalls unter Berufung auf Sicherheitsinteressen, historische Narrative und angebliche Bedrohungslagen. Die Empörung im Westen war grenzenlos. Sanktionen folgten. Internationale Haftbefehle. Moralische Verurteilungen im Stakkato. Zu Recht, wie viele sagen.

Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.


1. Das Gewaltverbot als Fundament – oder als Werkzeug?

Die Charta der Vereinten Nationen ist in ihrem Kern schlicht: Das Gewaltverbot gilt. Souveränität gilt. Grenzen dürfen nicht mit militärischer Macht verschoben oder durch gezielte Tötungen politischer Entscheidungsträger faktisch relativiert werden. Ausnahmen sind eng definiert: Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs oder ein Mandat des Sicherheitsrates.

Wenn jedoch eine westliche Führungsmacht militärisch interveniert, wird der juristische Rahmen elastisch. Begriffe wie „präventive Selbstverteidigung“ oder „gezielte Eliminierung“ werden zu politischen Schlagworten. Die gleiche Argumentationsfigur – Bedrohung, Sicherheit, Schutz eigener Interessen – wird bei anderen Akteuren hingegen als zynische Propaganda entlarvt.

Der normative Kern bleibt identisch. Die Bewertung jedoch variiert.

Das ist keine juristische Spitzfindigkeit. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.


2. Selektive Empörung als geopolitische Strategie

Wenn eine eurasische Grossmacht ihre Panzer über eine Grenze schickt, gilt das als zivilisatorischer Tabubruch. Wenn eine westliche Supermacht eine gezielte Tötung auf fremdem Territorium durchführt, wird das als „Stabilisierung“ verkauft. Wenn ein autoritärer Staat im Nahen Osten Menschenrechte systematisch verletzt, Frauen entrechtet, politische Gegner einsperrt oder kritische Journalisten verschwinden lässt, dann ist die Rhetorik erstaunlich zurückhaltend – solange Energieflüsse gesichert sind und strategische Kooperation besteht.

Hier tritt ein Muster zutage: Menschenrechte sind universal – solange sie nicht mit ökonomischen Interessen kollidieren.

Man verurteilt Invasionen, wenn sie von Rivalen ausgehen. Man relativiert Interventionen, wenn sie von Partnern ausgehen. Man fordert internationales Recht ein – aber nur gegenüber Gegnern.

Das ist keine Aussenpolitik der Prinzipien. Das ist Aussenpolitik der Opportunität.


3. Die Moral der Macht – und ihre theologischen Implikationen

Aus theologischer Perspektive – und ich schreibe bewusst aus dieser doppelten Perspektive von Ökonomie und Ethik – ist Macht nie neutral. Sie bedarf der Rechtfertigung. Der biblische Gedanke der Gerechtigkeit kennt keine Ausnahmen für Imperien. Der Prophet Amos unterscheidet nicht zwischen grossen und kleinen Reichen, wenn er Unrecht anklagt. Paulus relativiert keine Herrschaft, wenn sie Gewalt missbraucht.

Wer das Gewaltverbot unterläuft, indem er gezielt politische Führungspersonen auf fremdem Territorium tötet, verlässt den Boden des Rechts. Wer dies tut und gleichzeitig andere für vergleichbare oder schlimmere Taten verurteilt, verlässt zusätzlich den Boden moralischer Kohärenz.

Das Problem ist nicht nur die einzelne Tat. Das Problem ist die Inkonsistenz.

Und Inkonsistenz zerstört Vertrauen – global.


4. Doppelmoral als geopolitisches Gift

Doppelmoral ist mehr als Heuchelei. Sie ist strategisch kurzsichtig. Denn sie unterminiert genau jene internationale Ordnung, die man vorgibt zu verteidigen.

Wenn das Gewaltverbot relativiert wird, sobald es den eigenen Interessen dient, warum sollte es dann für andere verbindlich bleiben? Wenn gezielte Tötungen politischer Entscheidungsträger als legitimes Instrument gelten, öffnet man die Tür für eine Welt, in der politische Eliminierung normalisiert wird. Wenn autoritäre Regime mit wirtschaftlicher Bedeutung geschont werden, verliert jede Menschenrechtsrhetorik an Gewicht.

So entsteht ein gefährlicher Präzedenzfall: Recht wird zur Funktion von Macht.Moral wird zur Funktion von Bündnissen. Empörung wird zur Funktion von strategischer Nähe oder Distanz.

Die Folge ist nicht Stabilität. Die Folge ist Zynismus.


5. Die ökonomische Dimension: Interessen statt Prinzipien

Als Ökonom sehe ich zusätzlich die nüchterne Logik hinter vielen Entscheidungen: Energieversorgung, Handelsrouten, Sicherheitsarchitekturen, Rüstungskooperationen. Märkte reagieren empfindlich auf Unsicherheit. Politische Entscheidungsträger reagieren empfindlich auf wirtschaftliche Abhängigkeiten.

Doch genau hier liegt die Versuchung: Prinzipien werden flexibel, wenn Kosten drohen. Sanktionen treffen Rivalen härter als Partner. Kritik wird dort laut, wo sie wenig kostet. Schweigen herrscht, wo Öl, Gas oder strategische Basen auf dem Spiel stehen.

Eine regelbasierte Ordnung, die ökonomisch selektiv angewandt wird, ist keine Ordnung – sie ist ein Machtinstrument.


6. Was bedeutet das für eine hochsensitive Welt?

Wir leben in einer Zeit erhöhter globaler Neurosensitivität. Informationen verbreiten sich in Sekunden. Inkonsistenzen werden sichtbar. Menschen – insbesondere vantage-sensitive Persönlichkeiten – nehmen Widersprüche intensiver wahr, verarbeiten sie tiefer und reagieren emotional stärker darauf. Die globale Öffentlichkeit ist kein passiver Zuschauer mehr.

Doppelmoral erzeugt nicht nur politische Spannungen. Sie erzeugt psychologischen Vertrauensverlust. Und Vertrauen ist – ökonomisch wie politisch – ein zentrales Kapital.

Wenn Bürgerinnen und Bürger erkennen, dass Moral selektiv angewandt wird, sinkt die Bereitschaft, internationale Normen ernst zu nehmen. Wenn Staaten erkennen, dass Regeln asymmetrisch durchgesetzt werden, wächst die Bereitschaft, eigene Regeln zu definieren.

Das ist der Beginn einer fragmentierten Weltordnung.


7. Ein knallhartes Urteil

Wer das Völkerrecht bricht – auch unter Berufung auf Sicherheit – trägt Verantwortung.Wer gezielt Staatsoberhäupter oder hochrangige Vertreter auf fremdem Territorium tötet, ohne unmittelbaren Verteidigungsfall, überschreitet eine rote Linie.Wer gleichzeitig andere für vergleichbare Handlungen verurteilt, verliert moralische Autorität.

Und wer autoritäre Regime toleriert, solange sie ökonomisch nützlich sind, handelt nicht wertegeleitet, sondern interessengeleitet.

Das Urteil ist daher eindeutig:Nicht die Verteidigung von Prinzipien, sondern ihre selektive Anwendung ist das eigentliche Problem. Und in diesem Punkt trägt die westliche Führungsmacht eine besondere Verantwortung – gerade weil sie sich selbst als Hüterin der regelbasierten Ordnung versteht.

Wer den Anspruch erhebt, moralischer Referenzpunkt zu sein, wird an strengeren Massstäben gemessen.


8. Was bleibt?

Die Alternative ist nicht naive Pazifismus-Rhetorik. Staaten haben legitime Sicherheitsinteressen. Bedrohungen sind real. Terrorismus ist real. Aggression ist real.

Aber genau deshalb braucht es klare Regeln. Und diese Regeln müssen universell gelten – für Freunde wie für Feinde.

Recht, das nur für die anderen gilt, ist kein Recht. Moral, die nur selektiv angewandt wird, ist keine Moral.Und Ordnung, die auf Doppelmoral basiert, ist keine Ordnung – sondern eine Phase vor dem nächsten Konflikt.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wer stärker ist. Die eigentliche Frage lautet: Wer ist bereit, sich selbst denselben Massstab anzulegen, den er von anderen verlangt?

Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, wird die „regelbasierte Ordnung“ ein rhetorisches Konstrukt bleiben – und kein tragfähiges Fundament für eine friedlichere Welt.

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