top of page

Hitzewelle. Oder: Wenn selbst der Schatten Ferien macht.

rogertroger
28. Juni
6 Min. Lesezeit

Vor etwas mehr als fünfzig Jahren sang Rudi Carrell sehnsüchtig davon, dass es endlich wieder einmal richtig Sommer werden möge. Damals beklagte man den Regen, den grauen Himmel und Ferien, die eher an Gummistiefel als an Badetücher erinnerten. Heute würde dieses Lied vermutlich nur noch unter strengen Sicherheitsvorkehrungen veröffentlicht: mit Hitzewarnung, CO₂-Fussabdruck, wissenschaftlichem Faktencheck, zwei Meteorologen im Hintergrund und dem Hinweis, dass nostalgische Gefühle keine belastbare Grundlage für Klimamodelle darstellen. Und selbstverständlich fände sich innert Minuten eine Gruppe besonders toleranter Menschen, die Carrell in bewährter Offenheit erst in die Verschwörungsecke stellte, dann moralisch einordnete und schliesslich persönlich abkanzelte – natürlich nur aus Liebe zur Debatte, zur Wissenschaft und zum respektvollen Miteinander.


Manchmal frage ich mich, was Rudi Carrell heute wohl singen würde. Vielleicht: «Wann wird's mal wieder angenehm temperiert?» Das verkauft sich zwar deutlich schlechter, ist dafür aber gesellschaftlich weitgehend unangreifbar.


Es ist schon erstaunlich, wie sich die Zeiten ändern. Früher wartete man sehnsüchtig auf die ersten 30 Grad. Heute wartet man darauf, dass sie endlich wieder verschwinden. Damals hoffte man auf Sonne. Heute hofft man auf Wolken. Und wenn tatsächlich einmal ein Regentag kommt, diskutieren wir umgehend darüber, ob dies nun ein Zeichen gegen oder für den Klimawandel sei. Das Wetter war schon immer ein beliebtes Gesprächsthema. Inzwischen scheint es stellenweise den Rang einer Ersatzreligion eingenommen zu haben.


Früher fragte man den Nachbarn über den Gartenzaun: «Schönes Wetter heute, nicht?» Heute müsste die korrekte Frage vermutlich lauten: «Wie interpretierst du die aktuelle Grosswetterlage unter Berücksichtigung der langfristigen Veränderungen der globalen Durchschnittstemperatur?» Fortschritt nennt man das wohl.



Kaum überschreitet das Thermometer die Dreissiggradmarke, erwachen schweizweit Millionen Meteorologen, Mediziner, Ernährungsberater, Klimaforscher und Hobbyphysiker. Dieselben Menschen, die letzte Woche noch verzweifelt versucht haben, ihren Drucker mit dem WLAN zu verbinden, erklären nun mit bewundernswerter Selbstsicherheit den optimalen Elektrolythaushalt des menschlichen Körpers.


Man soll viel trinken. Aber bitte Wasser. Kaffee lieber nicht. Alkohol schon gar nicht. Sport nur morgens. Oder abends. Fenster schliessen. Nein, öffnen. Ventilator ja. Klimaanlage möglichst nicht. Rasen mähen? Bloss nicht! Wer am Nachmittag seinen Garten bewässert, riskiert inzwischen vermutlich mehr soziale Ächtung als jemand, der in St. Gallen versehentlich (oder auch deshalb, weil es ihm/ihr schmeckt) seine Bratwurst mit Senf isst.


Die sozialen Medien leisten ihren Beitrag. Jede Stunde erscheinen neue Checklisten. Ich rechne fest damit, dass demnächst empfohlen wird, Eiswürfel vor dem Gebrauch langsam auf Raumtemperatur zu bringen, um den Organismus nicht unnötig zu belasten.


Manchmal frage ich mich allerdings, ob die Hitze wirklich unser grösstes Problem ist. Oder ob wir einfach vergessen haben, dass die Menschheit mehrere hunderttausend Jahre erstaunlich gut ohne Push-Nachrichten zum Wetter überlebt hat.


Selbst unsere Schweizer Weisse Schäferhündin hat inzwischen ihre persönliche Klimastrategie entwickelt. Zwischen elf Uhr morgens und neun Uhr abends bewegt sie sich ungefähr so viel wie ein Granitblock im Wallis. Sollte ich dennoch auf einen Spaziergang bestehen, schaut sie mich mit einem Blick an, der unmissverständlich sagt: «Wenn einer von uns beiden heute einen Hitzeschaden erleidet, dann bist eindeutig du schuld.»


Die Kühe auf der Weide haben jede Form von Leistungsbereitschaft eingestellt. Sie stehen regungslos da und betrachten den Bauern, als wäre er persönlich für die Kernfusion in der Sonne verantwortlich. Die Pflanzen auf unserem Balkon wirken, als hätten sie kollektiv beschlossen, bis September in den Streik zu treten. Selbst der Grill hat höflich um Arbeitszeitreduktion gebeten. Und der Ventilator? Der verteilt inzwischen hauptsächlich warme Luft und Optimismus – beides in überschaubaren Mengen.



Vielleicht hätten unsere Vorfahren über uns geschmunzelt. Wer vierzig Jahre durch die Wüste ziehen musste, hätte vermutlich wenig Verständnis für unsere dramatischen Diskussionen über den Fussweg vom klimatisierten Auto bis zum klimatisierten Einkaufszentrum. Im Buch Exodus heisst es: «Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.» (Ex 16,2)

Man kann sie durchaus verstehen. Hitze, Durst und Hunger machen selten bessere Menschen. Moses musste allerdings nie lesen, dass sich die gefühlte Temperatur aufgrund mangelnder Luftzirkulation um weitere drei Grad erhöht habe. Seine Wetter-App hiess Wüste.


Auch der antike Philosoph Diogenes kannte das Problem. Als Alexander der Grosse ihn grosszügig fragte, ob er ihm einen Wunsch erfüllen könne, antwortete Diogenes lediglich: «Geh mir aus der Sonne.»

Seit über zweitausend Jahren interpretieren Philosophen diese Szene als Ausdruck radikaler innerer Freiheit und Selbstgenügsamkeit. Diogenes braucht nichts von Alexander: keinen Titel, kein Geld, keine Gunst, keine Einladung in bessere Kreise. Er braucht nur, dass der mächtigste Mann der Welt ihm nicht den Schatten wegnimmt. Vielleicht wäre genau das heute gar kein schlechter Gedanke. Etwas weniger Wetter-App, etwas weniger Empörung, etwas weniger Anspruch darauf, dass die Welt jederzeit unsere persönliche Wohlfühltemperatur liefert. Von Diogenes könnten wir uns durchaus eine Scheibe abschneiden – idealerweise eine im Schatten.


Blaise Pascal meinte sinngemäss, viele Probleme des Menschen entstünden deshalb, weil er nicht ruhig in einem Zimmer bleiben könne. Gemeint ist damit nicht Stubenhockerei als Lebensideal, sondern unsere Unfähigkeit, mit uns selbst, mit Stille und mit Begrenzung auszuhalten. Der Mensch flieht vor der inneren Unruhe in Zerstreuung, Beschäftigung und Ablenkung. Lieber Blaise: Das mag im Frankreich des 17. Jahrhunderts funktioniert haben. In einem schlecht isolierten Wohnraum bei 37 Grad entwickelt selbst der überzeugteste Philosoph plötzlich ein erstaunlich tiefes Interesse an Klimaanlagen – und an sehr weltlichen Formen der Erlösung.


Und Arthur Schopenhauer hätte vermutlich nur müde gelächelt. Schliesslich war er überzeugt, dass der Mensch selten lange zufrieden bleibt: Fehlt ihm etwas, leidet er darunter; hat er es endlich erreicht, sucht er sich zuverlässig das nächste Problem. Das Leben, so Schopenhauer, pendle zwischen Schmerz und Langeweile. Wenn es nicht regnet, ist es zu heiss. Wenn es nicht zu heiss ist, regnet es. Vielleicht gehört diese erstaunliche Begabung, selbst im Paradies noch Anlass zum Murren zu finden, tatsächlich zu unserer Grundausstattung. Hätten Adam und Eva bereits Wetter-Apps besessen, hätten sie vermutlich zuerst über die Luftfeuchtigkeit diskutiert.


Doch so sehr wir über die Hitze reden – neu ist sie keineswegs. Wer die Bibel liest, merkt schnell, dass sengende Sonne, Staub, Durst und glühende Landschaften dort beinahe alltäglich sind. Offenbar war der Nahe Osten schon lange vor der Erfindung des UV-Indexes kein klimatisches Wellnesshotel.


Der Psalmist schreibt:

«Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht.» (Ps 121,6)

Das ist kein Wetterbericht. Es ist eine Zusage. Trotzdem gebe ich offen zu: Sollte Gott mich an einem Tag mit 38 Grad vor die Wahl stellen zwischen einer tiefen theologischen Erkenntnis und einer grossen, dunklen Gewitterwolke – ich müsste kurz überlegen.



Besonders sympathisch ist mir der Prophet Jona. Nachdem Gott Ninive verschont hatte, setzte er sich schmollend ausserhalb der Stadt nieder. Gott schenkte ihm einen Rizinusstrauch als Schattenspender. Jona war begeistert. Endlich eine göttlich genehmigte Klimaanlage.

Doch schon am nächsten Morgen frass ein Wurm den Strauch an. Kurz darauf schickte Gott einen heissen Ostwind, die Sonne brannte erbarmungslos auf Jonas Kopf, und Jona erklärte:

«Und als die Sonne aufging, schickte Gott einen heissen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, sodass er fast ohnmächtig wurde. Da wünschte er zu sterben und sagte: Es ist besser für mich zu sterben als zu leben.» (Jona 4,8)

Wenn wir ehrlich sind, ist das vermutlich der älteste dokumentierte Hitzekoller der Weltliteratur.


Natürlich würden wir heute etwas differenzierter reagieren. Wir würden zuerst die Wetter-App konsultieren, anschliessend in den sozialen Medien unsere Betroffenheit teilen, danach eine klimatisierte Brasserie aufsuchen und dort bei einem eisgekühlten Bier darüber diskutieren, weshalb ausgerechnet wir von dieser Hitzewelle betroffen sind.

Wenn wir ehrlich sind, steckt in uns allen ein wenig Jona. Solange der Schatten da ist, finden wir das Leben wunderbar. Verschwindet er, reagieren wir, als hätte uns das Universum persönlich den Krieg erklärt.


Auch Jesus kennt die Mittagshitze. Im Johannesevangelium begegnet er der Samariterin am Jakobsbrunnen mitten am Tag. Aus dem körperlichen Durst entwickelt sich ein Gespräch über den Durst der Seele.


Jesus sagt:

«Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fliesst.» (Joh 4,14)

Man könnte fast meinen, Jesus habe geahnt, dass wir eines Tages versuchen würden, jede existenzielle Leere mit gekühlten Getränken, Klimaanlagen und einem etwas grösseren Ventilator zu lösen.


Auch die Arbeiter im Weinberg beklagen sich später darüber, dass sie «die Last des Tages und die Hitze getragen» hätten (Mt 20,12). Man kann sie gut verstehen. Doch vielleicht sind es heute weniger die Arbeitenden, die klagen, sondern jene, die sich im Schatten zurücklehnen und sich an einem gekühlten Glas Wein erfreuen – und dabei mit ernster Miene darüber diskutieren, wie unerträglich die Hitze geworden sei.


Die Bibel romantisiert die Hitze also überhaupt nicht. Sie weiss, wie erschöpfend sengende Sonne sein kann. Aber sie erinnert uns daran, dass Hitze niemals das letzte Wort hat. Weder meteorologisch noch geistlich.


Am Ende der Bibel heisst es:

«Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten.» (Offb 7,16)

Ich gebe zu: Das klingt für mich im Moment fast ein wenig wie eine Hotelbewertung aus den Alpen.

Fünf Sterne.

Angenehme 23 Grad.

Leichte Bise.

Keine Mücken.

Und kostenloses Quellwasser.


Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe. Jede Generation glaubt, das aussergewöhnlichste Wetter aller Zeiten zu erleben. Jede Generation erzählt ihren Enkeln, wie unfassbar heiss oder unvorstellbar kalt es damals gewesen sei. Und jede Generation ist überzeugt, dass früher irgendwie alles besser war – selbst der Sommer.


Rudi Carrell hätte vermutlich einfach weiter auf den Sommer gewartet. Heute würden wir ihm freundlich zurufen: «Lieber Rudi – Dein Wunsch wurde erfüllt. Vielleicht sogar ein ganz kleines bisschen zu gründlich.»


Bis dahin bleibt uns nur eines: genügend trinken, den Schatten dankbar annehmen, gelegentlich über uns selbst lachen und uns daran erinnern, dass wir Menschen eine erstaunliche Begabung besitzen, aus jeder Wetterlage eine weltanschauliche Grundsatzdebatte zu machen.


Die Sonne beeindruckt das übrigens herzlich wenig.

Sie scheint einfach weiter.

Ganz ohne Kommentarspalte.



Kommentare


+41 (0) 76 411 84 41

Bleiben Sie informiert und abonnieren Sie unseren Newsletter

Vielen Dank für Ihr Abonnement!

bottom of page