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Prometheus hätte heute ein Problem

rogertroger
vor 2 Stunden
7 Min. Lesezeit

Über Feuer, Freiheit und die hohe Kunst, eine Cervelat nicht zu grillieren

Morgen ist Familienfest.

Im Wald.

Eigentlich eine ziemlich verlässliche Sache. Man trifft sich, begrüsst Verwandte, stellt fest, wie gross die Kinder geworden sind, obwohl man sie selbst vielleicht erst vor wenigen Wochen gesehen hat, trägt Schüsseln, Taschen und Kühlboxen durch den Wald – und irgendwann kommt unweigerlich die Frage: Wer macht das Feuer?

Denn ein Familienfest im Wald ohne Feuer fühlt sich zunächst einmal ungefähr so an wie Weihnachten ohne Baum oder Fasnacht ohne Konfetti bzw. Räppli.

Zum Feuer gehören Rituale. Holz sammeln. Kleine Äste aufschichten. Zeitung zerknüllen. Irgendjemand weiss selbstverständlich ganz genau, wie man es richtig macht. Meistens ist es nicht dieselbe Person, die gerade versucht, es anzuzünden.

Dann kommen die Kinder. Und mit ihnen die Aufgabe, gleichzeitig Feuer zu machen und zu verhindern, dass brennende Äste plötzlich als Spielzeug entdeckt werden.

Und irgendwann liegt sie auf dem Grill: die Cervelat. Aussen bereits nahe am Zustand von Holzkohle, innen möglicherweise noch ein Fall für die Lebensmittelkontrolle. So gehört sich das.

Dieses Jahr allerdings nicht.

Feuerverbot.

Zum ersten Mal.

Und ausgerechnet jetzt, wo es eigentlich ganz angenehm wäre. In den vergangenen Jahren hatten wir teilweise Temperaturen, bei denen man sich ernsthaft fragen konnte, ob man neben der sommerlichen Hitze wirklich noch eine zusätzliche Wärmequelle entzünden muss.

Dieses Jahr: angenehm, nicht zu heiss, Wald, Familie, Cervelat. Nur das Feuer fehlt.

Der Sommer hat Humor.

Prometheus hätte wohl reklamiert

Für die Menschheit ist das Ganze ja nicht ganz unbedeutend. Feuer gehört zu den grossen Errungenschaften unserer Zivilisation.

In der griechischen Mythologie stiehlt Prometheus den Göttern das Feuer und bringt es den Menschen. Damit schenkt er ihnen weit mehr als eine brauchbare Methode, Würste zuzubereiten. Feuer bedeutet Wärme und Licht, Schutz, Nahrung, Handwerk und Technik.

Vielleicht könnte man die Menschheitsgeschichte sogar als Geschichte immer grösserer Feuer erzählen: vom Lagerfeuer zum Hochofen, von der Dampfmaschine zum Verbrennungsmotor, vom Kamin zur Rakete.

Der Mensch hat gelernt, Feuer zu machen. Und darauf war er ziemlich stolz.

Bis irgendwann der Kanton sagt:

Heute nicht.

Ich stelle mir Prometheus gerade vor, wie er im Solothurner Wald steht, das Feuer unter dem Arm, den Blick aufs Smartphone gerichtet: Waldbrandgefahr. Feuerverbot.

Jahrtausendelang ringt der Mensch der Natur das Geheimnis des Feuers ab – und am Ende scheitert der Titan an einer kantonalen Verfügung. Vielleicht hätte Zeus sich die ganze Mühe sparen können.

Was bedeutet eigentlich Freiheit?

Natürlich kann man über Verbote spotten. Wir leben ohnehin in einer Zeit, in der wir ziemlich genau darüber informiert werden, welche Gefahr uns gerade droht.

Wir kennen den UV-Index, die Ozonbelastung, den Pollenflug, das Regenradar, die Waldbrandgefahr, die Zeckenkarte, die Luftqualität und die gefühlte Temperatur. Gefühlt wissen wir heute immer genauer, was alles passieren könnte. Ob uns das auch gelassener macht, sei dahingestellt.

Familie im Wald: Erwachsene prüfen Wetter- und Warn-Apps, während eine ältere Frau ruhig die Natur beobachtet.

Unsere Grosseltern schauten in den Himmel. Wir schauen aufs Smartphone. Dafür wissen wir heute ziemlich genau, dass es vielleicht um 15.42 Uhr sieben Minuten leicht regnen könnte.

Aber das Feuerverbot führt zu einer spannenderen Frage: Was bedeutet Freiheit eigentlich?

Ist Freiheit einfach die Möglichkeit, das zu tun, was ich möchte? Dann wäre die Sache klar. Ich habe Holz. Ich habe Streichhölzer. Ich habe eine Cervelat. Also grille ich.

Montesquieu hat Freiheit anders verstanden. Nicht einfach als die Möglichkeit, alles zu tun, was man will, sondern als die Möglichkeit, das tun zu können, was man wollen soll.

Das ist ein anspruchsvoller Gedanke. Vielleicht gerade heute. Denn wir verstehen Freiheit gerne als immer grössere Auswahl: reisen, kaufen, konsumieren, entscheiden, wählen. Je mehr Möglichkeiten, desto freier.

Aber vielleicht ist Freiheit manchmal genau das Gegenteil:

Ich könnte etwas tun – und tue es trotzdem nicht.

Nicht weil ich gezwungen werde. Sondern weil ich einsehe, dass es vernünftig ist.

Papst Johannes Paul II. wird ein Satz zugeschrieben, der in dieselbe Richtung weist:

«Freiheit besteht nicht darin, dass man tun kann, was man will. Sie gibt einem nur das Recht, tun zu wollen, was man tun muss.»

Ich mag diesen Gedanken sehr. Er ist nur im Alltag manchmal etwas weniger attraktiv als in der Philosophie. Denn morgen bedeutet er konkret:

kalte Cervelat.

Man kann nicht alles haben.

Von der Angst, dass Enkel verhungern

Wobei ich mir um unsere Versorgung keine grossen Sorgen mache. Es gibt nämlich eine zweite, äusserst verlässliche Naturkonstante:

Grosseltern lassen ihre Enkel nicht verhungern.

Oder vielleicht genauer: Grosseltern leben offenbar in der festen Überzeugung, dass ihre Enkel grundsätzlich kurz davorstehen könnten.

Wer Grosseltern besucht, kommt deshalb selten einfach satt zurück. Satt wäre deutlich untertrieben. Man kehrt eher in einem Zustand zurück, in dem man sich ernsthaft fragt, ob Nahrung für die nächsten zwölf Stunden überhaupt noch nötig ist.

Grossmutter versorgt die Enkel beim Familienfest reichlich; im Hintergrund tauschen die Eltern einen liebevoll leicht genervten Blick aus.

Unsere eigenen Grosseltern und Urgrosseltern sind inzwischen nicht mehr unter uns. Aber eine beruhigende Erkenntnis bleibt: Die Institution Grosseltern lebt weiter.

Mit erstaunlicher Verlässlichkeit wird dabei auch eine alte Überzeugung weitergegeben:

Das Kind hat Hunger.

Das Kind kann gerade gegessen haben. Es kann glaubwürdig behaupten, satt zu sein. Die Grossmutter weiss es besser.

Und gelegentlich scheint es, als müsse sich das Vertrauen darin, dass die Eltern der Enkel ihre eigenen Kinder ebenfalls einigermassen erfolgreich ernähren können, noch etwas entwickeln.

Dabei haben wir durchaus Daten. Unsere Kinder haben Ferien mit uns überstanden, Ausflüge, Wanderungen, sogar ganze Wochenenden. Und erstaunlicherweise leben sie noch.

Die Bibel erzählt von der Speisung der Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen. Eine Grossmutter hätte vermutlich gefragt:

«Und was gab es dazu?»

Prometheus und Mose

Zurück zum Feuer. Die Bibel erzählt eine ganz andere Geschichte als die von Prometheus.

Mose sieht einen Dornbusch brennen. Der Busch brennt – aber er verbrennt nicht (Ex 3,3).

Für unser Familienfest wäre ein Feuer, das brennt, ohne etwas zu verbrennen, natürlich die perfekte Lösung gewesen. Leider scheint diese Technik seit Mose nicht mehr allgemein verfügbar zu sein.

Eine Person steht im Wald in respektvoller Distanz vor einem geheimnisvoll leuchtenden Dornbusch.

Und Mose tut etwas, das ich bemerkenswert finde: Er macht zunächst einmal gar nichts. Er nimmt das Feuer nicht. Er optimiert es nicht. Er kontrolliert es nicht. Er macht kein Foto. Er bleibt stehen. Er schaut.

Und dann hört er:

Komm nicht näher.

Für mich liegt darin ein grosser Unterschied zwischen Prometheus und Mose.

Prometheus sagt: Ich nehme mir das Feuer.

Mose lernt: Nicht alles steht zu meiner Verfügung.

Vielleicht ist genau das eine Haltung, die uns manchmal etwas schwerfällt. Wir sind gewohnt, Dinge verfügbar zu machen. Wir messen, planen, erschliessen, optimieren und organisieren.

Die Natur interessiert das nur begrenzt. Ein trockener Wald diskutiert nicht. Er hat keine Meinung. Er liest keine Kommentare. Und er lässt sich auch von einem guten Argument nicht beeindrucken. Wenn er trocken genug ist, brennt er.

Das kann man ärgerlich finden. Oder demütig machend. Vielleicht sogar befreiend. Denn die Welt richtet sich eben nicht vollständig nach uns.

Das Prinzip Verantwortung

Hans Jonas hat dafür einen wichtigen Begriff geprägt: Verantwortung.

Je grösser unsere Möglichkeiten werden, desto mehr müssen wir auch die Folgen unseres Handelns bedenken.

Wir fragen gern: Kann ich das? Oder: Darf ich das? Verantwortung fügt eine dritte Frage hinzu:

Was geschieht, wenn ich es tue?

Beim Feuer im trockenen Wald ist die Antwort ziemlich offensichtlich. In anderen Fragen ist sie komplizierter: beim Klima, bei künstlicher Intelligenz, bei unseren Ressourcen, bei politischen Entscheidungen, bei dem, was wir unseren Kindern hinterlassen.

Vielleicht liegt genau darin eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit: Nicht alles, was möglich ist, muss gemacht werden. Und nicht alles, worauf wir verzichten, ist automatisch ein Verlust von Freiheit.

Vielleicht kann Verzicht manchmal sogar Ausdruck von Freiheit sein. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Prometheus brachte uns das Feuer. Hans Jonas hätte ihm wahrscheinlich gesagt: Danke. Und jetzt passt bitte darauf auf.

Gott war nicht im Feuer

Die Bibel geht noch einen Schritt weiter. Der Prophet Elija erlebt einen Sturm, ein Erdbeben und Feuer. Grosses Kino, könnte man sagen. Aber Gott ist nicht darin.

Danach kommt etwas Leises. Ein stilles, sanftes Säuseln.

Ich finde diese Stelle immer wieder faszinierend. Vielleicht weil wir Menschen dazu neigen, das Bedeutende im Grossen zu suchen. Im Lauten. Im Spektakulären. Im Eindrucksvollen.

Vielleicht gilt das auch für den Glauben. Dabei begegnet Gott in der Bibel erstaunlich oft im Kleinen: im Brot, im Wein, im Gespräch, in einer Berührung, in einem Menschen.

Vielleicht sogar bei einem Familienfest im Wald. Ohne Feuer. Ohne grosse Inszenierung. Einfach so.

Das andere Feuer

Und dann gibt es noch die Emmausjünger. Sie gehen miteinander, reden, essen – und erst später begreifen sie, wem sie begegnet sind.

Dann fragen sie:

«Brannte nicht unser Herz in uns, wie er auf dem Weg zu uns redete und wie er uns die Schriften öffnete?» (Lk 24,32)

Vielleicht ist das ohnehin das wichtigere Feuer. Nicht das unter dem Grillrost. Sondern das zwischen Menschen.

Die Wärme, die entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, die miteinander verbunden sind.

Familie ist dabei eine ziemlich eigentümliche Sache. Man kann sich ihre Mitglieder kaum aussuchen. Man kennt ihre Stärken. Man kennt ihre Schwächen. Und irgendwann kennt man sogar manche Geschichten so gut, dass man weiss, wie sie enden, bevor sie überhaupt begonnen haben.

Trotzdem gehören diese Menschen zu uns. Man lacht zusammen. Man erinnert sich. Man nervt sich gelegentlich. Und man trifft sich trotzdem wieder.

Menschen, die nicht mehr am Tisch sitzen, sind dabei manchmal erstaunlich präsent. In einem Spruch. In einer Geste. In einem Rezept. Oder in der Überzeugung, dass ein Kind unmöglich mit nur einem Stück Kuchen nach Hause gehen darf.

Vielleicht ist auch das eine Form von Weiterleben.

Und morgen?

Morgen sitzen wir also im Solothurner Wald. Ohne Feuer. Zum ersten Mal.

Wir werden essen. Wahrscheinlich eher zu viel als zu wenig. Unsere Kinder werden auch diesen Tag mit hoher Wahrscheinlichkeit ernährungsphysiologisch unbeschadet überstehen.

Prometheus wäre wohl etwas enttäuscht. Mose hätte vermutlich Verständnis. Hans Jonas würde zustimmend nicken. Und Montesquieu würde uns vielleicht daran erinnern, dass Freiheit mehr sein kann, als einfach das tun zu können, was wir gerade möchten.

Vielleicht beginnt die Geschichte der Zivilisation damit, dass der Mensch gelernt hat, Feuer zu machen. Reife zeigt sich vielleicht darin, zu wissen, wann man keines machen sollte.

Und Familie? Vielleicht beginnt Familie dort, wo wir auch ohne Feuer zusammensitzen. Wo wir essen, reden und lachen. Wo wir uns gelegentlich gegenseitig auf die Nerven gehen und uns trotzdem wiedersehen wollen.

Prometheus stahl den Göttern das Feuer. Einige Jahrtausende später sitzen seine Nachkommen im Solothurner Wald, respektieren das Feuerverbot und essen Kartoffelsalat. Vielleicht ist das tatsächlich Fortschritt.

Und falls die Cervelat kalt bleibt, bleibt wenigstens eine beruhigende Gewissheit:

Verhungern wird niemand.

Dafür sorgen schon die Grosseltern.

Die Philosophie verlangt Opfer.

Die Grossmutter nicht.

Prometheus sitzt zufrieden mit einer weissen Schweizer Schäferhündin am Grillplatz, während die Familie im Hintergrund zusammensitzt.

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