top of page

Du musst kommen und schauen

rogertroger
11. Sept.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Sept.

25 Jahre nach dem 11. September – über Erinnerung, Endlichkeit und das Geschenk des Lebens

Vor 25 Jahren war ich knapp 22 Jahre alt.

Ich weiss noch erstaunlich genau, wo ich am 11. September 2001 war. In unserem Haus brannte eine Kerze für meinen Grossvater. Ich sass im Büro im Untergeschoss. Ein ganz gewöhnlicher Nachmittag – bis mein Vater von oben rief:

«Du musst kommen und schauen.»

Ich ging nach oben. Im Fernsehen war New York zu sehen. Einer der Türme des World Trade Centers brannte. Zunächst war da noch dieses kurze, fast automatische Suchen nach einer Erklärung. Ein Unfall? Ein schrecklicher Irrtum? Etwas, das man irgendwie einordnen konnte?

Dann kam das zweite Flugzeug.

Und mit einem Mal war klar: Das hier war etwas anderes.

Es gibt Augenblicke, in denen die Zeit eigentümlich stehen bleibt. Nicht wirklich, natürlich. Die Uhr läuft weiter. Aber das Gedächtnis setzt eine Markierung. Vorher. Nachher.

Gut eingerichtetes Büro im Untergeschoss eines Wohnhauses im Jahr 2001 mit Schreibtisch und Röhrenmonitor.

Fast 3000 Menschen

Fast 3000 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben. Menschen, die am Morgen zur Arbeit gegangen waren. Menschen in Flugzeugen. Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungskräfte. Menschen, die vermutlich an diesem Morgen dieselben kleinen Dinge gedacht hatten wie wir alle: Termine, Ärger, Mittagessen, Feierabend, Familie.

Vielleicht ist es gerade das, was mich 25 Jahre später besonders berührt. Wir kennen die historischen Bilder. Wir kennen die Türme, den Rauch, die einstürzenden Gebäude. Aber hinter jedem dieser Bilder stehen einzelne Leben. Beziehungen. Pläne. Menschen, die erwartet wurden.

Geschichte wird in Zahlen erzählt. Leben aber wird nie in Zahlen gelebt.

Ein Ereignis, das sich in uns einbrannte

Der 11. September gehört zu jenen Ereignissen, bei denen viele Menschen noch Jahrzehnte später sagen können, wo sie waren, als sie davon erfuhren.

Solche Erinnerungen sind merkwürdig. Man vergisst Geburtstage, Passwörter, Namen, warum man eigentlich in den Keller – nein, ins Untergeschoss – gegangen ist. Aber bestimmte Augenblicke bleiben mit einer fast fotografischen Schärfe erhalten.

Vielleicht, weil nicht nur etwas in New York geschah. Etwas geschah auch in unserem Bild von der Welt.

Die Bilder liefen immer wieder. Flugzeug. Feuer. Rauch. Menschen auf den Strassen. Einstürzende Türme. Eine Wiederholung, die das Unfassbare zugleich näherbrachte und unwirklicher machte.

Wir schauten hin, weil wir verstehen wollten. Und wir verstanden doch lange nicht, was wir da eigentlich sahen.

Menschen stehen still vor Fernsehbildschirmen und verfolgen gemeinsam die Nachrichten.

Wessen Tote sehen wir?

Und an diesem Punkt wird die Erinnerung an den 11. September für mich unbequem.

Fast 3000 Menschen wurden an jenem Tag getötet. Jeder einzelne von ihnen hatte eine Geschichte. Einen Namen. Menschen, die ihn liebten. Einen Platz am Esstisch. Pläne für den Abend, für das Wochenende, für die kommenden Jahre.

Es ist richtig, dass wir ihrer gedenken. Es wäre zynisch, diese Toten gegen andere Tote aufzurechnen.

Aber vielleicht wäre es ebenso zynisch, ausgerechnet aus diesem Gedenken nichts zu lernen über jene Menschen, deren Tod uns viel seltener erreicht.

Denn wenn wir sagen, dass jedes einzelne Leben vom 11. September zählt, dann kann unser Mitgefühl nicht dort enden, wo die Fernsehkameras verschwinden. Dann muss auch das Leben eines Kindes im Jemen zählen. Das eines Familienvaters im Irak. Das einer kranken Frau in einem Land, in dem Medikamente wegen Krieg, Armut, zerstörter Infrastruktur oder Sanktionen kaum erhältlich sind. Und ebenso das eines Kindes, das stirbt, weil es nicht genug zu essen bekommt.

Ein Menschenleben erhält seinen Wert nicht durch Nationalität, Religion, Hautfarbe, geopolitische Nähe oder mediale Aufmerksamkeit.

Die Toten nach dem 11. September

Der 11. September war nicht nur ein Verbrechen. Er wurde auch zum Ausgangspunkt einer politischen und militärischen Reaktion, deren Folgen bis heute reichen.

Die Vereinigten Staaten griffen Afghanistan an. Später folgte der Irakkrieg. Weitere militärische Einsätze, Drohnenkriege und Antiterroroperationen erstreckten sich über zahlreiche Länder. Manche Entscheidungen wurden mit Sicherheit begründet, manche mit Terrorismusbekämpfung, manche mit Demokratie und Menschenrechten.

Aber auch Staaten, die sich auf gute Absichten berufen, sind nicht von der Pflicht entbunden, die Folgen ihres Handelns anzusehen.

Das Forschungsprojekt «Costs of War» der Brown University schätzt, dass in den wichtigsten Post-9/11-Kriegsgebieten bis 2023 rund 905'000 bis 940'000 Menschen unmittelbar durch Kriegsgewalt starben. Rechnet man die indirekten Folgen von Krieg hinzu – zerstörte Gesundheitssysteme, Hunger, Krankheiten, fehlendes sauberes Wasser, zusammengebrochene Infrastruktur –, liegt die geschätzte Zahl bei mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen Toten.

Diese Zahl darf man nicht missverstehen. Nicht jeder dieser Toten wurde von einem amerikanischen Soldaten getötet, und nicht jeder einzelne Tod lässt sich einer einzigen Regierung zurechnen. In diesen Kriegen kämpften viele Akteure, und Verantwortung ist komplex.

Aber ebenso falsch wäre es, so zu tun, als hätten die Entscheidungen der mächtigsten beteiligten Staaten mit diesen Folgen nichts zu tun.

Vielleicht gehört auch das zur Erinnerung an den 11. September: nicht nur zu fragen, was an diesem Tag Amerika angetan wurde, sondern auch, was danach im Namen der Antwort auf diesen Tag geschah.

Sanktionen treffen keine Regierung allein

Ähnliches gilt für Sanktionen. Sie klingen zunächst sauberer als Bomben. Kein Einschlag. Kein Rauch. Keine Bilder zerstörter Häuser. Man friert Konten ein, beschränkt Handel, blockiert Finanzströme und erklärt, der Druck richte sich gegen eine Regierung.

Nur leben Regierungen nicht ausserhalb ihrer Gesellschaften.

Wenn eine Volkswirtschaft abgeschnitten wird, wenn Banken aus Angst vor Regelverstössen selbst erlaubte Geschäfte nicht mehr abwickeln, wenn Ersatzteile fehlen, Medikamente schwerer erhältlich werden oder Lebensmittelimporte teurer werden, dann trifft das nicht zuerst den Präsidentenpalast. Es trifft oft Menschen, die überhaupt keinen Einfluss auf die Politik ihres Landes haben.

Die Vereinten Nationen weisen seit Jahren auf solche humanitären Nebenwirkungen einseitiger Sanktionen und auf Probleme selbst dort hin, wo Ausnahmen für Lebensmittel und medizinische Güter vorgesehen sind. Denn eine Ausnahme auf dem Papier garantiert noch lange nicht, dass eine Überweisung funktioniert, ein Lieferant liefert oder eine Versicherung den Transport übernimmt.

Auch hier braucht es Differenzierung: Nicht jede Sanktion ist gleich, und nicht jedes wirtschaftliche Leid eines sanktionierten Landes ist durch die Sanktionen verursacht. Regierungen können korrupt, repressiv oder wirtschaftlich katastrophal handeln. Das entbindet uns aber nicht von der Frage, welchen zusätzlichen Preis eine Zivilbevölkerung für unsere politischen Instrumente bezahlt.

Wenn Sanktionen Menschen treffen, die nichts entschieden haben, dann dürfen wir sie moralisch nicht unsichtbar machen, nur weil ihr Sterben weniger spektakulär aussieht als das Sterben im Krieg.

Die Toten ohne Gedenktag

Und dann gibt es noch jene, die mit dem 11. September, mit Amerika oder mit geopolitischen Konflikten überhaupt nichts zu tun haben.

Menschen sterben an Hunger und Unterernährung. An fehlendem sauberem Wasser. An Infektionen, die behandelbar wären. An Krankheiten, für die Medikamente existieren. Kinder sterben, weil sie am falschen Ort geboren wurden.

Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass beinahe die Hälfte der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren mit Unterernährung verbunden ist. Hinter solchen Sätzen stehen keine abstrakten Statistiken. Es stehen Kinder dahinter. Eltern. Geschwister. Dieselben abgebrochenen Beziehungen, dieselben nicht gelebten Jahre.

Wir leben gleichzeitig in einer Welt von medizinischem Fortschritt, künstlicher Intelligenz, Raumfahrt und einem Wohlstand, den frühere Generationen kaum hätten vorstellen können. Und in derselben Welt sterben Menschen aus Gründen, die wir technisch längst verhindern könnten.

Vielleicht ist das eine der verstörendsten Formen des Todes: nicht der Tod, den niemand verhindern konnte, sondern der Tod, den wir als Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten verhindern könnten – und an den wir uns offenbar gewöhnt haben.

Es geht nicht um eine Rangliste des Leidens

All das soll den 11. September nicht relativieren.

Die fast 3000 Menschen, die an jenem Tag ermordet wurden, werden nicht weniger tot, weil anderswo Millionen starben. Ihre Angehörigen trauern nicht weniger. Terror wird nicht weniger verwerflich, weil Staaten ebenfalls Schuld auf sich laden können.

Es geht um etwas anderes.

Wenn wir bei den Opfern des 11. September zu Recht darauf bestehen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht, dann sollten wir diesen Satz nicht wenige Absätze später wieder vergessen.

Dann steht auch hinter vier Millionen eine viermillionenfache Geschichte. Hinter jedem verhungerten Kind ein nicht gelebtes Leben. Hinter jedem zivilen Kriegsopfer eine Familie. Hinter jedem Menschen, der wegen fehlender Medikamente stirbt, jemand, der vielleicht hätte weiterleben können.

Moral wird unglaubwürdig, wenn sie die Würde des Menschen nur dort entdeckt, wo der Tote zu unserer politischen, kulturellen oder medialen Welt gehört.

Vielleicht wäre deshalb ein angemessenes Gedenken an den 11. September nicht nur: Wir vergessen diese Toten nicht.

Vielleicht müsste es zusätzlich heissen:

Wir versuchen, auch die anderen nicht zu vergessen.

Die Welt, die es nicht gegeben hat

Manchmal frage ich mich, wie die Welt heute aussähe, wenn dieser Tag nicht stattgefunden hätte.

Das ist eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Geschichte kennt keine zweite Versuchsanordnung. Es gibt keine Parallelwelt, in der wir nachsehen könnten, welche Kriege nicht geführt, welche Gesetze nicht beschlossen, welche Ängste nicht entstanden und welche politischen Entwicklungen anders verlaufen wären.

Wir wissen nur, dass der 11. September eine Weggabelung war. Danach wurden Entscheidungen getroffen, deren Folgen weit über New York, Washington und Pennsylvania hinausreichten. Sicherheit bekam ein anderes Gewicht. Misstrauen bekam neue Nahrung. Grenzen zwischen Schutz und Kontrolle verschoben sich. Konflikte, die uns bis heute beschäftigen, nahmen ihren Lauf oder wurden verstärkt.

Vielleicht ist das eine der ernüchternden Einsichten der Geschichte: Ein einziger Tag kann Jahrzehnte prägen. Und manchmal wissen die Menschen, die mitten in einem solchen Tag stehen, noch gar nicht, wie weit seine Schatten reichen werden.

25 Jahre

Fünfundzwanzig Jahre.

Das ist lange. Und gleichzeitig erschreckend kurz.

Damals war ich knapp 22. Heute bin ich knapp 47. Meine Frau kannte ich damals noch nicht. Meine Kinder waren noch nicht geboren. Ein grosser Teil dessen, was heute mein Leben ausmacht, lag noch irgendwo in einer Zukunft, die ich nicht kannte.

Und plötzlich bekommt die Zahl 25 eine zweite Bedeutung.

Wenn ich Glück habe, liegen noch anderthalb solche Zeiträume vor mir. Wenn ich sehr viel Glück habe, war der vergangene Zeitraum etwas mehr als ein Drittel meines Erwachsenenlebens. Vielleicht bleibt mir aber auch deutlich weniger.

Das ist keine besonders fröhliche Rechnung. Aber auch keine morbide. Sie ist schlicht wahr.

Wir leben oft so, als sei Zeit eine Ressource, die sich irgendwie erneuert. Nächste Woche. Nächstes Jahr. Wenn es ruhiger wird. Wenn die Kinder grösser sind. Wenn dieses Projekt abgeschlossen ist. Wenn wir endlich mehr Zeit haben.

Nur: Zeit kommt nicht zurück.

Vielleicht ist das die eigentliche Irritation eines solchen Jahrestags. Er erinnert nicht nur an die Vergangenheit. Er misst unbarmherzig auch das eigene Leben.

Stillleben mit Uhr, alten und neuen Alltagsgegenständen als Bild für 25 vergangene Jahre.

Das Leben ist ein Geschenk

Die Bibel ist in dieser Hinsicht erstaunlich nüchtern.

Im Ps 90,12 steht der Satz: «So lehre ⟨uns⟩ denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen!»

Nicht: Lass uns vergessen, dass wir sterblich sind. Nicht: Mach die Zeit unendlich. Sondern: Lehre uns zählen.

Kohelet sagt: «Für alles gibt es eine ⟨bestimmte⟩ Stunde.» (Koh 3,1). Es gibt eine Zeit für dieses und eine Zeit für jenes. Der Text ist gerade deshalb tröstlich, weil er nicht so tut, als könnten wir alles festhalten.

Und Jesus Sirach formuliert es fast überraschend lebensnah: «Einen schönen Tag lass nicht vorbeigehen [...]» (Sir 14,14)

Vielleicht ist das eine geistliche Übung, die mir mit zunehmendem Alter wichtiger wird: das Leben nicht nur als Aufgabe zu betrachten. Nicht nur als etwas, das organisiert, optimiert und bewältigt werden muss. Sondern als Geschenk.

Ein Geschenk ist nicht wertvoll, weil es ewig bleibt. Vielleicht ist es gerade deshalb wertvoll, weil es nicht selbstverständlich ist.

Die Menschen, die am Morgen des 11. September 2001 zur Arbeit gingen, wussten nicht, dass dieser Tag für viele von ihnen der letzte sein würde. Wir wissen es für unseren eigenen letzten Tag ebenfalls nicht.

Das soll Angst machen? Ich glaube nicht. Vielleicht soll es aufmerksam machen.

Aufmerksam für die Menschen, die da sind. Für ein Gespräch, das man nicht verschieben muss. Für eine Umarmung. Für einen Spaziergang. Für einen gewöhnlichen Abend zu Hause. Für Kinderlachen, für Stille, für ein gutes Essen oder ein spezielles Glas Wein, für einen Menschen, den man liebt.

Das grosse Leben besteht erstaunlich oft aus sehr kleinen Dingen.

Familie in einem ruhigen Abendmoment als Bild für Gegenwart, Nähe und Dankbarkeit.

Du musst kommen und schauen

«Du musst kommen und schauen.»

Damals, am 11. September 2001, war es der Ruf meines Vaters, nach oben zu kommen und den Fernseher einzuschalten. Es war ein Satz über eine Katastrophe, die gerade vor unseren Augen geschah.

Heute höre ich ihn anders.

Du musst kommen und schauen.

Nicht nur auf das, was in der Welt geschieht. Auch auf das, was längst da ist.

Auf die Menschen neben Dir. Auf die Jahre, die vergangen sind. Auf die Jahre, die vielleicht noch kommen. Auf das Schöne, das leicht übersehen wird, weil es so alltäglich aussieht.

Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, möglichst viel aus dem Leben herauszuholen. Vielleicht besteht sie darin, wirklich anwesend zu sein, solange es da ist.

Vor 25 Jahren sass ich knapp 22-jährig in einem Büro im Untergeschoss. Heute bin ich knapp 47.

Fünfundzwanzig Jahre liegen dazwischen.

Ich weiss nicht, wie viele noch kommen.

Aber ich weiss etwas anderes:

Das Leben ist jetzt.

Kommentare


+41 (0) 76 411 84 41

Bleiben Sie informiert und abonnieren Sie unseren Newsletter

Vielen Dank für Ihr Abonnement!

bottom of page